Glücksspiel in Österreich: Zwischen Freizeitvergnügen und Sucht

Was aktuelle Daten über Verbreitung, Risiken und die wachsende Rolle illegaler Online-Casinos verraten Der aktuelle Epidemiologiebericht Sucht 2025 der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) liefert erstmals ein umfassendes Bild der Glücksspielsituation in Österreich. Die Daten stammen aus repräsentativen Bevölkerungsbefragungen, Behandlungseinrichtungen und der ESPAD-Schülerbefragung 2024. Dieser Blogeintrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Auch die Kleine Zeitung berichtete zu diesem Thema ausführlich. Wer spielt – und wie oft? Laut der repräsentativen Bevölkerungsbefragung 2020 haben 70 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher (ab 15 Jahren) schon einmal an Glücksspiel teilgenommen. Die aktuellere Befragung 2022 zeigt ein differenzierteres Bild. Männer spielen deutlich häufiger als Frauen. Seit 2015 ist der Anteil der Männer, die mindestens monatlich spielen, von 42 auf 47 Prozent gestiegen, während der Frauenanteil konstant bei 32 Prozent geblieben ist. Welche Spiele sind beliebt – und bei wem? Die Spielpräferenzen unterscheiden sich stark nach Alter. Jüngere Menschen zwischen 15 und 29 Jahren greifen besonders häufig zu Sportwetten, E-Sports-Wetten und Glücksspielautomaten – also zu Spielformen, denen die Forschung ein vergleichsweise hohes Suchtpotenzial zuschreibt. Mit steigendem Alter verschiebt sich das Interesse deutlich in Richtung Lotto, das in der Altersgruppe 50+ dominiert. Für alle, die an Glücksspielautomaten oder Sportwetten teilnehmen, ist der bevorzugte Spielort mittlerweile online: 64 Prozent der Automatenglücksspieler spielen online, bei Sportwetten sind es 48 Prozent – Sportwetten werden außerdem sehr häufig über die Trafik abgewickelt (52 Prozent). Online spielen – einfach, jederzeit, risikoreich Das Onlineangebot an Glücksspiel hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Und die Nutzung folgt diesem Trend: Unter den Personen, die im letzten Jahr an Automatenglücksspielen oder Sportwetten teilgenommen haben, taten dies 64 beziehungsweise 52 Prozent auch online. Warum ist das problematisch? Automatenglücksspiel und Sportwetten zählen wissenschaftlich zu den Spielformen mit dem höchsten Gefährdungspotenzial. Online kumulieren zusätzliche Risikofaktoren: ständige Verfügbarkeit rund um die Uhr, niedrigschwelliger Zugang ohne soziale Kontrolle, fehlendes Zeitgefühl und oft aggressive Bonusangebote. Der Bericht verweist explizit auf Befunde, wonach das Onlineglücksspiel bei Menschen mit pathologischem Spielverhalten in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Besonders deutlich zeigt sich das in den Behandlungsdaten der Spielsuchthilfe Wien: 2013 spielten etwa 40 Prozent der Klientinnen und Klienten auch online. Bis 2023 ist dieser Anteil auf fast 90 Prozent angestiegen – eine nahezu vollständige Verlagerung ins Internet innerhalb von zehn Jahren. Glücksspiel und psychische Gesundheit Der Bericht liefert einen bemerkenswerten Befund zur Verbindung von häufigem Spielen und psychischer Belastung. Verglichen wurden Personen, die öfter als einmal pro Woche spielen, mit allen anderen Befragten: Mehr als 33% der häufigen Spielenden berichten psychische Belastungen. 17% der selteneren oder Nicht-Spielenden berichten dasselbe. Bei 15- bis 34-Jährigen, die häufig spielen, berichteten sogar etwa zwei Drittel von psychischen Problemen. Ob häufiges Spielen psychische Probleme verursacht, diese verstärkt oder ob Menschen mit Belastungen vermehrt zum Glücksspiel greifen – etwa als Ablenkung – lässt sich aus den vorliegenden Querschnittsdaten nicht abschließend klären. Die Daten legen nahe, dass beide Mechanismen wirken und sich gegenseitig verstärken können. Jugendliche und Glücksspiel Glücksspiel ist in Österreich für Personen unter 18 Jahren verboten. Dennoch zeigt die europäische Schülerbefragung ESPAD 2024, dass Minderjährige durchaus Erfahrungen mit Glücksspiel machen: 16% der 17-jährigen Schüler spielten im letzten Jahr 4% der 14-jährigen Schülerinnen haben bereits gespielt 15% der Schüler in Polytechnischen Schulen und Berufsschulen 10% aller befragten Schüler:innen 2024 (2015 noch 7%) Die Prävalenz steigt mit dem Alter an und ist bei Burschen deutlich höher als bei Mädchen. Schülerinnen und Schüler an Polytechnischen Schulen und Berufsschulen spielen fast doppelt so häufig wie jene an AHS. Die beliebtesten Spielformen unter Jugendlichen sind Karten- und Würfelspiele mit Geldeinsatz, aber ein relevanter Anteil hat bereits Erfahrungen mit Sportwetten oder Glücksspielautomaten gesammelt – sowohl terrestrisch als auch online. Pathologisches Glücksspielverhalten Ab wann ist Spielen krankhaft? Die psychiatrische Diagnose „Pathologisches Spielen” (nach DSM-5) liegt vor, wenn innerhalb von 12 Monaten mindestens vier der folgenden neun Kriterien erfüllt sind: Diagnosekriterien (DSM-5) – mindestens 4 von 9 müssen zutreffen Nach der Bevölkerungsbefragung 2022 erfüllen rund 4 Prozent der österreichischen Bevölkerung ab 15 Jahren die Kriterien für zumindest eine milde Form des pathologischen Glücksspielverhaltens. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung sind das etwa 300.000 Menschen. Männer sind deutlich häufiger betroffen (5,4 %) als Frauen (2,7 %). Besonders vulnerabel sind jüngere Personen: Bei 15- bis 34-jährigen Männern liegt die Prävalenz bei 9,7 Prozent. Ein niedrigerer formaler Bildungsabschluss geht ebenfalls mit höherem Risiko einher. Die Folgen pathologischen Spielens Pathologisches Spielen ist nicht nur ein persönliches Problem – es hat weitreichende Konsequenzen für das soziale Umfeld, Arbeit, Finanzen und Gesundheit. Daten aus der Spielsuchthilfe Wien (653 Personen in Behandlung 2021–2023) zeigen das ganze Ausmaß: 86% Verschuldung 57% Beziehungsverlust 56% Familienkonflikte 20% Arbeitsplatzverlust 16% Suizidgedanken 10% Beschaffungskriminalität 8% Wohnungsverlust 4% Suizidversuch Die Zahlen zur Verschuldung sind besonders erschreckend: 88 Prozent der 2023 in der Spielsuchthilfe Wien behandelten Personen waren verschuldet. Die durchschnittliche Verschuldung betrug 79.145 Euro, der Median lag bei 28.000 Euro. 13 Prozent waren zum Zeitpunkt der Aufnahme bereits gepfändet, 6 Prozent befanden sich in Privatkonkurs. Versorgungslage: Viele Betroffene, wenig Angebote Im Jahr 2023 wurden österreichweit 318 Personen mit der Diagnose „Pathologisches Spielen” aus stationärer Behandlung entlassen – 84 Prozent davon waren Männer. Die ambulante Versorgung ist deutlich schlechter dokumentiert: Einheitliche, österreichweite Daten aus dem ambulanten Bereich fehlen bislang vollständig. Die Spielsuchthilfe Wien verzeichnete 2023 insgesamt 262 Erstkontakte. Auch hier dominierten Männer mit 90 Prozent. Die am stärksten vertretene Altersgruppe ist jene der 31- bis 40-Jährigen. Der Bericht macht deutlich, dass das bestehende Monitoring- und Behandlungssystem für pathologisches Glücksspielen in Österreich noch erhebliche Lücken aufweist. Ähnlich wie im Bereich illegaler Drogen brauche es ein umfassendes, einheitliches Datensystem, um die Situation vollständig erfassen und gezielt darauf reagieren zu können. Fazit Glücksspiel ist in Österreich weit verbreitet und für die meisten Menschen ein unproblematisches Freizeitvergnügen. Doch für einen relevanten Teil der Bevölkerung – rund 300.000 Menschen – entwickelt es sich zu einem ernsthaften gesundheitlichen und sozialen Problem. Besonders beunruhigend ist die rasante Verlagerung ins Internet: Spielformen mit dem höchsten Gefährdungspotenzial – Automatenglücksspiel und Sportwetten – werden zunehmend online genutzt, oft bei Anbietern, die aus rechtlicher Sicht in Österreich gar nicht tätig sein dürften. Die ständige Verfügbarkeit, das Fehlen sozialer Kontrolle und die oft aggressive